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Exposee
Zwei Wochen - Fragmente einer Beziehung AT
von Werner Stangl 
Die Erzählung umfasst die Phase der Beendigung einer dreiunddreißigjährigen Beziehung und deren Analyse aus der Perspektive des Mannes. Den Beginn des Textes bildet sein vorläufiges, offenes Resume nach den Ereignissen von zwei Wochen, wobei „sie“ nach einer Reise „mit leeren Händen“ zurückgekommen, noch einige Tage bei ihm lebt und ihn nach eskalierenden Ereignissen verlässt. Die Analyse fokussiert auf diese für die Trennung entscheidenden Ereignisse im Zeitraum von zwei Wochen, der beginnend mit der Entdeckung eines schon länger andauernden Betruges durch sie auch eine kurz darauf folgende Reise ihrerseits nach Strasbourg, bei der er allein zurückbleibt, und die Zeit unmittelbar danach einbezieht. Nach den zwei Wochen wird ein vorläufiger Schlussstrich unter diese Beziehung gesetzt werden, indem sie endgültig beschließt, alleine zu leben.
Auf dem Hintergrund der Ereignisse in diesen zwei Wochen werden exemplarisch charakteristische Episoden aus der gemeinsamen langjährigen Beziehung beschrieben und auf der aktuellen Ereignisebene der zwei Wochen gespiegelt. Diese Analyse, die neben einer Suche nach Erklärungen für das Scheitern in der Vergangenheit auch seinen versuchten Selbstfindungsprozess umfasst, findet nachträglich ausschließlich aus der Position seiner Erinnerung statt, wobei die Erzählung einerseits der Chronologie der Ereignisse in den zwei Wochen folgt, neben der Reflexion der Vergangenheit aber auch reale und potentielle Entwicklungen in der Zeit nach den zwei Wochen mit einbezieht. Obwohl alle Ereignisse und Reflexionen auf den Erzähler fokussieren, ergibt sich aus ihnen auch das Psychogramm einer Frau, die ihren Mann innerlich schon seit vielen Jahren verlassen und sich nach einer schleichenden Resignation auf die Suche nach sich selber begeben hatte. Diese Suche findet in der Erzählung parallel zu seiner Suche in diesen zwei Wochen statt.
Ist die Analyse unmittelbar nach der Entdeckung des Betruges für den Protagonisten noch der Versuch, die Beziehung zu retten, führt ihn diese im Verlauf der zwei Wochen zur Befreiung von einer Jahre lang aufrecht erhaltenen Illusion.
Leseprobe
Zwei Wochen - Fragmente einer Beziehung AT
von Werner Stangl
Er fühlte beim Frühstück, dass sie ihn beobachtete, belauerte. Hat er etwas gemerkt? Hat sie sich verraten? Verraten durch ihre übertriebene Geschäftigkeit, mit der sie danach eine Telefonat mit dem Sohn zum Mietvertrag führte. Verbarg er vor ihr, dass er es gemerkt hat? Verbarg sie vor ihm, dass sie gemerkt hat, dass er etwas bemerkt hatte?
Sie ging wie jeden Sonntag, an dem das Wetter es zuließ, im Brucknerpark beginnend joggen.
Müde von der schlaflosen Nacht und mit dem Wunsch, endlich Gewissheit zu haben, holte er aus ihrer Handtasche, die wie immer im Vorzimmer auf einem Stuhl lag, ihr Mobiltelefon, mit dem sie das von ihm belauschte Gespräch geführt hatte. Er suchte - behindert durch die ihm fremden Fachausdrücke im französischen Menü - das hatte sie seit Strasbourg auf ihren Telefonen eingestellt und aus nostalgischen Gründen beibehalten - die Liste der letzten Anrufe. Er landete - und das war jener, bedingt durch seine mangelnden Sprachkenntnisse, die Ereignisse der zwei Wochen auslösende Zufall - in der Mailbox mit zwei abzurufenden Nachrichten. Er dachte, hier die Nummer des Anrufers zu erfahren. Er rief die erste Nachricht ab - eine Frauenstimme nannte zuerst eine Telefonnummer. Er wollte die Nummer notieren - sie schien gleichzeitig am Display auf. Er ging mit dem aufgeklappten Mobiltelefon in der Hand, da er keinen Kugelschreiber beim Telefon fand, in sein Arbeitszimmer, um einen zu holen. Auf dem Weg dorthin folgte nach einer kurzen Pause die Nachricht, die in der Mailbox gespeichert war. Er verstand kaum die Worte, die eine eher alt klingende männliche Stimme sagte, er hörte nur einen vertrauten Tonfall, den kein Kollege oder Freund wählt. Es war jener Tonfall, den er gestern auch bei ihr beim Telefonieren gehört hatte.
Er war benommen.
Er wollte Schreien, nur ein „Nein“, mehr geflüstert als gebrüllt brachte er zustande.
Die Nachricht sprach von einem „später nochmals versuchen“ wollen.
Und schon sprach die Frauenstimme erneut die Nummer. Er saß schon in seinem Arbeitszimmer, als er die zweite Nachricht hörte. Auch sie verstand er unter dem Brausen des Blutes in seinem Kopf und seinen Ohren nur wenige Worte. „Schatzi“, „Bussi“, „bis Montag“ und „vielleicht inzwischen ein Brieflein“. Später wird er sich erinnern, dass diese Stimme ganz tief etwas noch Intimeres angesprochen hatte, aber das hatte er nicht mehr gehört.
Er reagierte beinahe wie ein Automat. Er legte das Mobiltelefon in die Handtasche zurück.
Er lief minutenlang in der Wohnung umher, schwer atmend, er war nahe einer Ohnmacht. Er ging in die Küche, trank ein Glas Wasser, ein zweites, ein drittes.
Er schrie: „Nein! Nein! Nein!“
Er hielt sich an der Abwasch in der Küche fest.
Wieder lief er durch die Wohnung, während sie wohl arglos das Joggen genoss. Er lief durch alle Räume der Wohnung, auch in das Zimmer ihres Sohnes und hängte die von seinem letzten Besuch noch zusammengeknüllte Decke sorgfältig zusammen und hängte sie an den Bettrand. Er klopfte das Polster aus und legte es sorgfältig zurecht.
Aus der Küche nahm er das schon abgewaschene Geschirr und trug es in den Geschirrschrank im Esszimmer.
Dieses Pochen in seinen Schläfen. Diese Schläge!
Er zwang sich zur Ruhe.
Es gelang erst nach Minuten.
Immer wieder auf und ablaufen, wobei er alle Türen sorgfältig hinter sich schloss. Es liefen Routinen des Alltags weiter. Sie beruhigten seine Gedanken ein wenig.
Er suchte nach Erklärungen. Harmlosen. Vielleicht war es der blinde Kollege, mit dem sie in letzter Zeit sehr vertraut geworden war, und der sie so abschätzig „Schatzi“ nannte. Nein, dieser war viel jünger als diese Stimme geklungen hatte. Er schätzte ihn nach der Stimme wesentlich älter ein, weit über sechzig.
Hatte die Stimme einen Dialekt gehabt?
Wo hatte er diese Stimme schon gehört?
War es nicht ein aus seiner Jugend vertrauter Klang?
Da schoss es ihm in den Kopf.
Es war die Stimme seines Vaters, der im Vorjahr verstorben war. Nicht dessen Stimme aus den letzten Jahren, sondern aus seiner Kindheit.
Er spürte zugleich Wut und Angst.
Er wollte nochmals das Mobiltelefon holen, nochmals die beiden Nachrichten abrufen.
Noch einmal das Vertrauen brechen? Er konnte es nicht, denn trotz allem fühlte er Scham. Er wog die Scham des begangenen Vertrauensbruches gegen ihre Scham des offensichtlichen Betruges.
Nach den zwei Wochen wird er denken, dass es sein musste, nicht nur zu seinem sondern auch zu ihrem Besten. Wie hatte sie diese verbotene Beziehung leben können, ohne innerlich gespalten zu sein? Ohne ständig auf der Hut zu sein? Hatte sie nie erkannt, dass zahlreiche Spannungssituationen aus ihrer aggressiven Verteidigungs- und Vertuschungshaltung herrührten, die sie manchmal gegenüber allem einnahm, was er sagte und tat?
Hatte sie ein Gewissen?
Er hörte die Nachrichten nicht noch einmal ab, weil er es nicht ertragen hätte.
Vor allem ein Wort rotierte in seinem Kopf: „Schatzi“.
„Bussi“ war beiläufig gesprochen gewesen. Fast nebenher.
Aber „Schatzi“. Sie hatte sich von Beginn an ihrer nun dreiunddreißigjährigen Beziehung alle Kosenamen verboten und wollte nur mit ihrem Vornamen angesprochen werden. Auch bei Zärtlichkeiten und beim Beischlaf nannte er nur ihren Namen.
Wann hatte sie ihn das letzte Mal mit dem Namen angesprochen? Es wurde ihm bewusst, dass sie das wohl schon seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte.
Namen waren ihr wichtig, das erkannte er auch aus ihren Texten, die sie in den letzten Jahren zu schreiben begonnen hatte. Sie fühlte sich zur Schriftstellerin berufen und hatte drei schon in Strasbourg und Wien begonnene Erzählungen zu einem Roman zusammengefasst. Ihre Frauentrilogie, wie sie diese zunächst genannt hatte. Später hatte sie gemeinsam in einem Brainstorming einen besseren Titel gefunden. Sie hatte die Namen aller Personen in der Frauentrilogie mit Bedacht und Sorgfalt gewählt.
Und jetzt ein „Schatzi“, ein Wort, das ihm aus seiner späten Kindheit und Jugend vertraut war, als er - halbwüchsig schon - von Huren am Strich angesprochen wurde: „Schatzi, mach ma was?“
„Schatzi“ nannte auch der Zuhälter seine „Pferdchen“. Er war in Meidling, einem Wiener Vorstadtbezirk, aufgewachsen, der einige anrüchige Viertel besaß. Sein Schulweg führte entlang des auch heute noch belebten Gaudenzdorfer Strichs.
Jedes Kosewort hätte er ihr wohl gegeben, dieses wäre das Letzte gewesen, an das er gedacht hätte. „Schatzi“ war das Letzte. Auch sein Vater hatte die Huren so genannt, zu denen er manchmal ging.
Er versuchte das Wort auszusprechen, es kam nicht über seine Lippen. Ihn ekelte vor diesem Wort. Er fühlte nur mehr Schmutz, der über ihn wie eine abgehende Mure hereinbrach und alles Gedanken verschüttete.
Als sie vom Joggen zurückkam, öffnete er wortlos die Tür, und ging - während sie sich wie immer zum Duschen ins Bad begab - , in sein Arbeitszimmer und setzte sich an den Computer.
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