|
Exposee
Am Ende des Regenbogens AT
von Werner Stangl 
Maximilian, ein von seinen Eltern mit materiellen Dingen verwöhntes Schulkind, ist unglücklich, denn er hat keine Freunde. Die Klassenkameraden lehnen ihn ab, weil er stets mit seinen Besitztümern prahlt.
Er lädt das Ausländerkind Boris ein. Dieser besitzt zwar kein Spielzeug aber viele Freunde. Boris zeigt ihm die vielen Spielmöglichkeiten auf, die es nur mit Freunden gibt.
Am Abend fordert Maximilian von seinen Eltern, ihm doch einen Freund zu kaufen. Als diese ihm mit dem Argument, dass man auch mit Gold keinen Freund kaufen kann, die Unerfüllbarkeit seines Wunsches vor Augen führen, zieht er sich trotzig in sein Zimmer zurück.
Im Traum sieht Maximilian einen Regenbogen. Er macht sich heimlich auf, das Gold am Ende des Regenbogens, das er von einer Erzählung seines Großvaters kennt, zu finden. Mit diesem Gold möchte er einen Freund kaufen.
Maximilian findet das Gold. Er verirrt sich auf dem Heimweg im Wald. Er begegnet einem Bären, der ihm vor Regen und Kälte Unterschlupf bietet. Maximilian will ihm zum Dank Gold geben, das dieser ablehnt. Freunden hilft man auch ohne Belohnung. Als er hungrig wird, zeigen ihm Rehe einen Strauch mit Beeren. Auch diese lehnen sein Gold ab. Als er erschöpft erkennt, dass er allein nicht aus dem Wald findet, weist ihm eine Eule den Weg. Auch sie lehnt eine Belohnung ab. Zuhause angekommen - niemand hat seine Abwesenheit bemerkt - legt er sich in sein Bett.
Als er am nächsten Morgen erwacht, ist das Gold weg. Er erkennt enttäuscht, dass alles nur ein Traum war.
Auf dem Schulweg trifft er Boris, der ihn zu sich und seinen Freunden einlädt. Zögernd nimmt Maximilian die Einladung an.
Maximilian erlebt an diesem Nachmittag die Bedeutungslosigkeit materiellen Besitzes und die Möglichkeiten der Freundschaft.
Glücklich berichtet er am Abend seinen Eltern von den Freunden, die er jetzt gewonnen hat. Im Bett findet er zwischen seinen Polstern einen Tannenzapfen, der ihn an sein Traumabenteuer erinnert.
Leseprobe
Am Ende des Regenbogens AT
von Werner Stangl
Maximilian war unglücklich.
Maximilian besaß alles, was man sich wünschen kann.
Und wenn er einmal etwas sah, was er noch nicht besaß, dann sagte er:
“Mama, ich will einen blauen Teddybären, der sprechen kann!“
Und Mama kaufte den schönsten blauen Teddybären, der sprechen konnte.
“Papa, ich will ein grünes Auto, das im Wasser schwimmen kann!“ sagte Maximilian.
Wenn sein Vater antwortete: "Du hast doch schon so viele Autos", dann antwortete Maximilian: "Aber ich habe keines, das schwimmen kann!"
Und er bettelte solange, bis sein Vater seufzend das schönste grüne Auto kaufte, das auch im Wasser schwimmen konnte.
“Opa, ich will einen schwarzen Zauberhut, aus dem man weiße Kaninchen zaubern kann“ sagte Maximilian.
Und Opa kaufte den schönsten schwarzen Zauberhut, aus dem man weiße Kaninchen zaubern konnte.
“Tante, ich will ein rosa Pferd, das wiehern kann und einen Wagen zieht!“ sagte Maximilian.
Wenn seine Tante antwortete: "Du hast doch schon so viele Tiere", dann antwortete Maximilian: "Aber ich habe keines, das einen Wagen ziehen kann!"
Und die Tante seufzte und kaufte das schönste rosa Pferd, das es gab. Und das Pferd konnte wiehern und einen Wagen ziehen.
Maximilian hatte viele Tanten, von den Onkeln gar nicht zu reden.
Maximilians Zimmer sah aus wie ein Spielzeugladen.
Maximilian lud seine Klassenkameraden der Reihe nach zum Spielen ein. Alle staunten über seine Spielzeugsammlung.
Er schleppte seine Besucher zum Schwimmbecken im Garten und ließ sein Auto darin schwimmen. Und er stellte das rosa Pferd auf und ließ es dazu wiehern. Schließlich fragte er sie:
"Hast du auch so ein tolles grünes Auto wie ich, das schwimmen kann?"
und
"Hast du auch so ein rosa Pferd wie ich, das wiehern kann und einen Wagen zieht?"
Wenn sie antworteten:
"Nein! Mein Auto kann nicht schwimmen",
und
"Nein! Mein Pferd kann nicht wiehern",
dann war Maximilian zufrieden.
Wenn sie aber sagten,
"Ich habe dafür ein rotes Auto, das fliegen kann",
oder
"Ich habe ein größeres Pferd, auf dem ich reiten kann",
dann trumpfte Maximilian auf:
"Dein Auto kann aber nicht schwimmen!"
oder
"Mein Pferd ist viel grüner als deines."
Bevor seine Besucher heimgingen, zauberte er weiße Kaninchen aus seinem Zauberhut, dass ihnen Hören und Sehen verging und sie die Flucht ergriffen.
Manche Klassenkameraden getrauten sich nicht Maximilian einzuladen. Sie schämten sich, weil sie nicht so viel Spielzeug besaßen wie er. Wenn ihn doch einer einlud, dann prahlte Maximilian:
"So ein Auto habe ich auch! Meines ist aber viel, viel größer",
oder
"Mein Baukasten ist viel, viel schöner als deiner!"
Keiner lud ihn ein zweites Mal ein.
Wenn Maximilian einen Klassenkameraden zum zweiten Mal einlud, dann antworteten dieser:
"Ich hab keine Zeit, ich muss heute lernen",
oder
"Ich bin heute schon bei einem Freund eingeladen",
oder
"Ich muss heute mit meiner Mutter in die Stadt".
Keiner besuchte Maximilian ein zweites Mal.
Maximilian hatte schon alle Klassenkameraden eingeladen.
Bis auf Boris.
Er war mit seinen Eltern vor einem halben Jahr in das Dorf gezogen. Boris hatte es schwer. Er sprach kein Wort Deutsch, als er in die Klasse kam.
Maximilian dachte überhaupt nicht daran, Boris einzuladen.
Als die Mutter fragte:
"Wann lädst du einmal den Boris ein?"
antwortete Maximilian:
"Den mag ich nicht einladen."
"Du hast alle Kinder eingeladen", sagte die Mutter. "Er ist sicher traurig, wenn du nur ihn nicht einlädst."
"Ich mag aber nicht", maulte Maximilian.
"Seine Eltern sind arm. Boris hat bestimmt nicht so viel Spielzeug wie du", erwiderte die Mutter.
Das gefiel Maximilian.
Er dachte nach und sagte schließlich: "Bestimmt hat er nicht so viel Spielzeug wie ich! Wenn es sein muss…."
Maximilian lud Boris ein.
Maximilian erwartete Boris an der Wohnungstür.
"Da bist du ja!" rief er und schleppte Boris in sein Zimmer.
Maximilian holte sogleich ein Auto nach dem anderen und stellte es vor Boris auf.
Boris wusste nicht, wie ihm geschah.
Maximilian drückte Boris den blauen Teddybären in die Hand. Als dieser sagte "Ich heiße Waldemar, weil ich im Walde war!", ließ ihn Boris vor Schreck fallen.
"Da staunst du, was!" sagte Maximilian.
Maximilian nahm ein Stofftier nach dem anderen und drückte ihn Boris in die Hand. Baukästen, Motorboote, Bücher und Eisenbahnen holte er aus den Kästen und Regalen.
Und natürlich auch das rosa Pferd, das wiehern konnte.
Boris sagte noch immer nichts.
Als Maximilians Mutter bei der Tür hereinschaute, konnte sie Boris nicht sehen. Er saß unter einem Berg von Spielzeug und war sprachlos.
"Na, was sagst du jetzt?" fragte Maximilian.
"Ich", stotterte Boris, "ich… ich weiß nicht."
"Wie viele Eisenbahnwagons hast du?" fragte Maximilian.
"Ich habe keine Eisenbahn", antwortete Boris.
"Und wie viele Autos hast du?" bohrte Maximilian nach.
"Ein paar! Aber nicht so viele wie du."
Maximilian war zufrieden.
"Und womit spielst du dann?" fragte Maximilian.
"Ich spiele mit Finka", antwortete Boris.
"Wer ist Finka?"
"Das ist meine Freundin."
"Aber wenn du keine Lust hast, mit dieser Finka zu spielen?"
"Dann spiele ich mit Bojan."
"Wer ist Bojan?" fragte Maximilian.
"Das ist mein Freund."
"Und wenn dir das zu fad ist?"
"Dann spiele ich mit Gerald!"
"Ist das auch ein Freund?" fragte Maximilian ungeduldig.
"Ja, das ist auch ein Freund. Wir spielen oft miteinander."
"Das ist blöd!" sagte Maximilian verächtlich, "ich brauche keine Freunde."
"Wir spielen verstecken, wir spielen Räuber und Gendarm. Wir singen miteinander oder verkleiden uns. Das ist sehr lustig", warf Boris ein.
"Das ist alles blöd!" wiederholte Maximilian ärgerlich.
Er war nicht mehr zufrieden.
Er war so unzufrieden, dass er darauf vergaß, zum Abschied weiße Kaninchen aus seinem Zauberhut zu zaubern.
Nachdem Boris gegangen war, spielte Maximilian mit seinen Teddybären und den anderen Stofftieren Verstecken. Das machte keinen rechten Spaß, denn er wusste natürlich, wo sie waren.
"Das ist ein blödes Spiel", schimpfte Maximilian.
Lieder singen oder Fangen spielen konnte er mit seinen Stofftieren auch nicht.
Sein blauer Bär vielleicht? Der saß aber nur da und brummte: "Ich heiße Waldemar, weil ich im Walde war!"
"Ihr seid alle blöd!" rief Maximilian und schleuderte die Tiere und Teddybären in eine Ecke.
Das rosa Pferd wieherte noch ein letztes Mal.
|