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Exposee Ken-Tai Feuer der Erinnerung AT von Brigitte Diefenthaler    Brigitte Diefenthaler

Exposé:
Vor zwei Jahren wurde die Verlobte von Richard Rubner, einem Frankfurter Kriminalkommissar, von dem Serienkiller Clark Mc Hamilton ermordet, sein Freund Alexander Barray, ein New Yorker Computerspezialist, überlebte ein wochenlanges Martyrium durch denselben Täter nur knapp.
Clark Mc Hamilton wird zu lebenslanger Sicherheitsverwahrung verurteilt. Trotzdem quälen Rubner weiterhin Schuldgefühle und Depressionen und Barray treiben seine Erinnerungen immer mehr in den Wahnsinn.

Um Beweise zu sichern, reist Richard nach Oklahoma City, zum Geburtsort des Mörders. Während seiner Nachforschungen durchlebt er, eingeschlossen im ehemaligen Kinderversteck Mc Hamiltons, sechs Tage Todessangst. Um seine Recharchen über Clark Mc Hamilton vor Ort betreiben zu können, arbeitet Richard bei seinem Befreier Sheriff Marc Lonsdale als Deputy.
Als Lonsdale ein Drogenversteck aufspürt und den Dealer Bill Reed verhaftet, kann diesem auch der Mordversuch an Rubner nachgewiesen werden. Irrtümlich war Reed der Meinung, dass Rubner seinem Drogenversteck auf der Spur war.

Währenddessen wird in Berlin Raphael geboren, Monas und Alexander Barrays Sohn. Bald nach der Geburt suchen Alexander quälende Halluzinationen heim. Seine Krankheit gefährdet Mona und Raphael. Er flieht mit ihnen zu seinem Vater nach New York. Sein Vater kann verhindern, dass er im Wahn Mona erwürgt und veranlasst die Abreise von Mona und Raphael in die Rocky Mountains, zu Alexanders Großvater. Alexander rastet aus und verletzt seinen Vater schwer. Der Vorfall wird für ihn zum Wendepunkt. Er reist seiner Familie nach, zu seinem Großvater. Der Lakota-Schamane zwingt ihn auf Visionssuche zu gehen. Das Ritual befähigt Alexander seinen Wahnsinn zu besiegen.

In Ostberlin findet Paul Lory, ein ehemaliger Nachbar Clark Mc Hamiltons, die Aufzeichnungen des Killers und wird zum ‚Schatten’ seines Vorbilds. Nach mehreren Morden auf der Flucht taucht er in einem Gartenhaus Mc Hamiltons unter.
Währendessen lässt dem inhaftierten Clark Mc Hamilton das Überleben seines letzten Opfers, Alexander Barray, keine Ruhe. Seine Verbindung nach draußen ist der Freigänger Jens Freyling. Als Freyling Videos aus Mc Hamiltons Gartenhaus holt, stößt er auf Paul Lory. Lory wird beauftragt Alexanders Sohn zu töten. Als Lory versagt, stirbt er bei einem von Freyling gelegten Brand. Lory wird posthum als Entführer Raphaels und Seniorenmörder überführt. Freyling entlarvt Mc Hamilton als Auftraggeber der Ermordung Lorys.

 

Leseprobe Ken-Tai Feuer der Erinnerung AT von Brigitte Diefenthaler

Spuren

Weine Regentränen
Brülle Wind –
Weshalb?
Einfach so

Es war eisig! Die bohrende Kälte schmerzte in seinen Knochen. Richard Rubner schätzte die Wassertemperatur auf höchstens vierzehn Grad und dies Ende Mai! Während sein edelstes Teil gerade auf Minimalgröße schrumpfte, winkte er Alexander Barray zu, der mit verschränkten Armen am Ufer stand und ihm zusah. Richard hatte keine Ahnung, was sein Freund von seinem Kälteversuch hielt, aber es war auch egal. Für ihn war dieses Eisschwimmen einer der unzähligen Schritte zurück in die Normalität, hin zu seinem früheren Selbstbewusstsein, weg von einem Leben am Rand von Depression und Suizid.
Entschlossen tauchte er mitten in flirrende Unterwassersonnenbahnen. Winzige Partikel hielten sich schwebend die Waage und begrenzten die Sichtweite, typisch für deutsche Binnengewässer, auf wenige Meter. Absolutes Schweigen herrschte hier und der dunkle Seegrund glich einem in der Kälte erstarrten, exotischen Planeten.
Er hatte genug. Nach wenigen Schwimmzügen konnte er stehen und seine tauben Füße versanken im Schlamm wie in eisiger Watte. Am Ufer starrte Alexander so konzentriert auf die blau-glitzernde Fläche hinaus, als würde ihm der See gerade in diesem Augenblick einige grundlegende Fragen beantworten. Richard schnappte sich ein Handtuch und sagte: „Halt’ mich für verrückt, aber es hat gut getan!“
Ein schneller Blick aus verschatteten Augen. „Ja.“
Nur ein Wort und doch lag in ihm eine düstere Melancholie mit der Richard nichts zu tun haben wollte. Schlimm genug, dass er seit seine Freundin Simone ermordet wurde derart daneben war!
Wie oft seit ‚es’ passierte war, gab es nichts mehr zu sagen. Er stopfte das nasse Handtuch in seinen Rucksack. „Gehen wir!“
Durch Büsche und blühende Gräser begleitete sie ein stückweit ein Bach und Richard genoss das unbekümmerte Spiel der Sonnenreflexe auf dem gleißenden Wasser. Während der Bach linkerhand zwischen Sträuchern verschwand, folgten sie dem Trampelpfad ins kühle Dämmerlicht eines Tannenwaldes. Das Eisbad steckte ihm immer noch in den Knochen und er war froh, als sie auf eine Lichtung hinaustraten. Neben einer Baugrube, dem zukünftigen Keller für Alexanders neues Heim, glänzten ihre aufgebockten Motorräder. Ihr Gespräch sprang von Alexanders Online-Job, für den er eine leistungsfähigere Grafikkarte benötigte, zu dem Motorrad welches sich Richard bei seiner Ankunft in Oklahoma City mieten wollte. Plötzlich bedrückte ihn die Belanglosigkeit ihres Gesprächs, aber Alexander, der vor nicht allzu langer Zeit in die Gewalt eines brutalen Serienmörders geraten war, würde niemals über sein überstandenes Trauma reden. Jedenfalls nicht mit ihm.
Dazu passte dann auch Alexanders lapidarer Kommentar, einige Tage später, bei seinem Abflug in die USA.
„Tauche nicht zu tief.“
„Wie könnte ich? Schließlich fahre ich in die Wüste, wie du weißt.“
Sie lachten und mit einer selten erreichten Klarsicht erkannte Richard Alexanders Besorgnis ebenso, wie dass seine eigene Reise eine Flucht war, eine Flucht vor seinen immer wiederkehrenden Depression und Schuldgefühlen.

Vier Tage später. Oklahoma.
Er war da! Das schadhafte Schieferdach des Farmgebäudes in der unwirtlichen Talsohle unter ihm, hob sich kaum von seiner staubig-trockenen Umgebung ab und atmete Armut. Hier also, hier an diesem verlassenen Ort hatte alles begonnen. Richard schob das Visier hoch und spuckte auf den von Dürrerissen gezeichneten Boden. Hoffentlich stimmte die Behauptung des Sheriffs von Greyville, eines Kaffs, dreißig Meilen nördlich, und das Anwesen war tatsächlich verlassen. Er hatte absolut keinen Bock irgendeinem begriffsstutzigen Farmer zu erklären, was er hier suchte. Schon Marc Lonsdale, der cirka vierzigjährige, vierschrötige Sheriff, hatte ihn eindeutig der Kategorie übergeschnappt zugeordnet, während er ohne Kommentar seiner wirren Geschichte gefolgt war. Wahrscheinlich bewahrte ihn nur sein rechtzeitig gezückter Polizeiausweis davor, mit einer Zelle, mitten im Hinterland des sogenannten Wilden Westens, Bekanntschaft zu machen. Er nahm Lonsdale sein Misstrauen nicht übel, denn es gab für seine Anwesenheit keinen zwingenden Grund. Michael Wilderam, Dezernatsleiter der Frankfurter Mordkommission und außerdem sein Chef und Freund, interpretierte seine Reise in Mc Hamiltons Vergangenheit schlicht als Krisenbewältigung. Angenehmerweise hatte Michael das Unternehmen mit einem offiziellen Ermittlungsauftrag aufgewertet. Dadurch hing jetzt wenigstens ein illusorisches Sinnmäntelchen über seiner Suche nach etwas, das nicht einmal er konkret benennen konnte.
Sein Bremsmanöver direkt vor einer Veranda, deren guten Tage längst der Vergangenheit angehörten, wirbelte eine beachtliche Sandwolke auf. Er zog den Helm aus und rubbelte durch seine verschwitzten Haare. Überall klebte feiner Sand, zwischen seinen Zähnen knirschte es und jeder Wimpernschlag brannte wie Hölle. Offenbar hatte sich die empfindliche Innenhaut seiner Augenlider in Schmirgelpapier verwandelt, seine Augen tränten. Verdammte Wüste! Wenigstens war es windstill! Er fragte sich, in was für ein staubiges Loch sich das romantische Cowboyleben verkrochen hatte, das für ihn als Junge der Inbegriff von Männerfreiheit und Abenteuer gewesen war. Seine Anfälle von Sentimentalität würden Alex sehr amüsieren. Alexander! Seine Anwesenheit gäbe dem Ganzen eine Richtung, nicht unbedingt einen Sinn, aber mit ihm zusammen wäre die Tour sich selbst genug, zwei Freunde unterwegs ins Ungewisse. Sein Lächeln verkam zu einer Grimasse. Da, wo er hin wollte, war kein Platz für Alexander, für jeden anderen vielleicht, aber sicher nicht für Alex. Er spuckte noch einmal bekräftigend in den Sand und nahm, während er sich umsah, einen lauwarmen Schluck aus seiner Wasserflasche. Als erstes fiel ihm die zertrümmerte Eingangstür auf, deren Überrest erbarmungswürdig schief in den Angeln hing. Ein wirklich gemütlicher Ort! Er steckte die Flasche in seinen Rucksack und umrundete mit bedächtigen Schritten das Haus mit seinen verkommenen Nebengebäuden und einer halb abgebrannten Windmühle, deren skelettierte Dachkonstruktion wohl schon vor langer Zeit in sich zusammengebrochen war. Überall an den Mauern, die an brüchige Pappe erinnerten, hatten sich Steppenhexen verfangen.
Er ließ sich Zeit, lauschte dem Knirschen unter seinen Schuhen und lauschte in die bösartige Verlassenheit, die dieser Ort ausstrahlte, als hätte das karge Land ein Gedächtnis, als würde es noch wissen...
Außer halbverwehten Tierspuren und leeren Whisky- und Bierflaschen entdeckte er, während seines Rundganges, nichts Aufregendes und stand bald wieder vor der Eingangstür. Mit wenigen Schlägen trat er die verwitterten Holzreste aus den rostigen Angeln. Überall auf dem Boden lag Partymüll herum. In einer der Kammern stieß er zwischen Zigarettenschachteln, Scherben und Kondomen auf gebrauchte Fixerbestecke. Mit dieser Entdeckung schloss er seine Ermittlung im Erdgeschoss ab und betrat die schadhafte Treppe zur oberen Etage. Die Stufen knackten unter seinen fünfundachtzig Kilo, unwillkürlich stellte er sich vor wie alles zusammenbrach und grinste schief. Als Mumie würde er zu diesem verfluchten Ort bestens passen! Oben herrschte eine brütende Hitze. Auf der Nordseite konnte er durch das schadhafte Dach direkt in den blassblauen Präriehimmel sehen. Bald stand er wieder auf sicherem Boden und gestand sich ein, dass das einzig Bedrückende hier die allgegenwärtige, erbärmliche Verlassenheit war.

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