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Exposee
Cosima oder der verlorene Name AT
von Maria Dörrhöfer
Karel und Cosima treffen sich 1919 in Lusetin, einem kleines Ort im Sudentenland.
Sie verlieben sich ineinander, ohne von der Liebe des anderen zu ahnen.
Er glaubt, dass Cosima nichts für ihn empfindet.
Sie ist für ihn ein Rätsel, eine junge Frau mit dem „zweiten Gesicht“, die mehr weiß als andere, Dinge erkennt, die ihm verborgen bleiben.
Sie scheint ihm zu frei. Er fühlt sich ihr unterlegen, scheut das Wagnis.
Er ist nicht bereit für eine selbstbewußte Frau.
Cosima aber liebt ihn, sagt es ihm in Gesten und Blicken, doch Karel kann oder will es nicht deuten. Sie weiß, wie die Geschichte ihrer Liebe enden wird, schließt jedoch die Augen vor dem Unaussprechlichen, denn Karel wird sie vergewaltigen.
Karel verläßt den kleinen Ort, setzt sein Studium fort. Cosima wird schwanger, entscheidet sich jedoch nach langem Zögern gegen das Kind.
1955, Jahre nach seiner Trennung von Cosima, trifft Karel einen alten Freund, der ihm die letzten Puzzelsteine zu seinen Erinnerungen liefert. Er wird gezwungen, sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen.
Seine Erinnerungen stützen sich auf alte Tagebücher Cosimas, Briefe, seine eigenen Erinnerungen, lange verschüttet, und auf die Erzählung des Freundes.
Karel landet 1946 als Heimatvertriebener in Wiesbaden – Cosima stirbt 1946, nach einer Phase geistiger Umnachtung in Karlsbad, ohne dass sie sich jemals wiedersahen .
Vergessen kann er sie nie.
Leseprobe
Cosima oder der verlorene Name AT
von Maria Dörrhöfer
Plötzlich war da ihr Gesicht.
Eigentlich nur die Augen. Augen nur.
Und dann waren da die Worte. Wort und Wort und Wort in dichter Folge.
Mittendrin die Farbe.
Für wen soll ich alles aufschreiben?
Ich bin kein Poet. Bloß kein Wort zuviel.
Es wird doch sowieso zu viel geschrieben. Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, etwas aufzuschreiben. Sie lassen mich nicht los, die verdammten Worte, sie warten nur darauf, mich zu verraten. Der Wahrheit entkommen sie sowieso. Man sollte nicht alles glauben, was da geschrieben steht.
Zügellos ist das Geschriebene. Und einsam. Vielschichtig und einsilbig.
Greif zum Pinsel, das ist sinnvoller, überlegte er. Farbe ist nicht nur Fassade, sie ist auch Form, gibt auch ein Bild.
Doch ein Blick in den Farbkasten genügte und er wusste, dass Farbe und Pinsel nicht reichen würden, sich zu erinnern. Die Farben entgleiten uns, dachte er. Wir können sie nicht beherrschen. Im Gegenteil: Sie beherrschen uns, lassen uns glauben, dass sie von außen kommen. Dabei werden sie in uns geboren, fremd und innig zugleich. Wie soll man das bewältigen?
Ich werde meinen Schreibtisch zum Atelier machen, beschloss er. Am Morgen werde ich schreiben. In der Stille des beginnenden Tags. Dann fällt es leicht. Dann werden die Worte kommen, zusammen mit den Farben. Dann finden sie ihren eigenen Rhythmus. Ich brauche die Einsamkeit der frühen Stunde. Das wird mich trösten.
Im Grunde wusste er nicht, wie und wann seine Geschichte endete, denn die Tage waren kurz und die Nächte bargen zu viele Facetten, die er nicht verstand.
Eines wusste er: Damals hätte er nicht darüber schreiben können. Das Leben musste erst stillstehen. Erst im Rückblick war es möglich. Man musste den Weg zu Ende gehen, auch wenn man ein Leben lang gezögert hatte. Das Einzige was zählte, war das Vorankommen.
Vorankommen bedeutete, dass er lebte. Leben bedeutete Erfassen. Erfassen hieß zur Ruhe kommen. Dann, im Kern der Ruhe, konnte er verweilen, brauchte nicht mehr laufen. Man konnte umkehren, denn auch das gehörte zum Weg.
Mit einem Mal wusste er, dass er um das Umkehren nicht herumkam.
Das Papier wurde zum Hintergrund.
Worte wurden zur Lösung.
Nein, nicht eigentlich Lösung. Denn zu lösen gab es nichts.
Die Worte wurden zum Begreifen.
Jetzt, da er begann, kam es ihm vor, als sei alles in einer Zeit vor der Zeit gewesen, damals wie heute, es begann am Ende. Wie ein zweites Leben.
Er kehrte zurück.
Er traf sie in einem kleinen Nest namens Lusetin, das nahe Eger, zwischen dem Kaiserwald und den Ausläufern des Erzgebirges gelegen war. Mitten im Sudetenland, dem Land hinter den böhmischen Wäldern; einer Landschaft, geheimnisvoll und karg, aber auch friedvoll mit ihren saftiger Wiesen und menschenleeren, sanften Hügeln.
Das Land ist alt und hat viel erlebt. Mit diesen Worten beschrieb Rilke einst dieses Sudetenland, das sich inmitten all der Länder der Sankt-Wenzels-Krone darauf eingerichtet hatte, dass man es vergessen möge in seiner sprachlich-geographischen Abgeschlossenheit.
Das Rad drehte sich dort langsam und die Wurzeln, die man zwischen den Weinhügeln Mährens, den melancholischen Teichlandschaften Südböhmens bis hin zu Rübezahls Reich im Norden, geschlagen hatte, reichten tief.
Das landschaftliche Spektrum mit seinen reizvollen Facetten prägte die Menschen, und einem Fremden fiel es schwer, die vielschichtige Seele des Landes auszumachen. Es gab keine einheitliche Seele. Hintergründiger Humor und eine gewisse Pfiffigkeit schlossen Melancholie und tief verwurzelte Skepsis nicht aus. Im Gegenteil, Schwermut und Himmelhochjauchzend waren untrennbar miteinander verbunden. Doch im Grunde lebten hier ensthafte Menschen, obschon auch Humor und Geselligkeit viel Raum einnahmen. Selbst die Zwischentöne waren spröde, zurückhaltend und nicht zu vergleichen mit denen der offenen Rheinländer, bei denen er später seine Heimat fand.
Ihr Name war Cosima.
Aber das tat bei den Lusetinern nichts zu Sache.
Über Namen machte man sich keine Gedanken. Meist wurden sie den Großeltern, den Eltern, den Verwandten entliehen. Hauptsache, sie waren einfach, unkompliziert und leicht zu merken. Warum sollte man sich über Namen Gedanken machen? Man nahm, was man gewohnt war. Christlichen Ursprungs musste er sein, das war das Wichtigste.
Ein außergewöhnlicher Name war schon immer etwas, das den Menschen hervorhob. Er machte ihn anders. Doch für die Leute aus Lusetin war das nur Schall und Rauch.
Sich hervorzutun wurde nicht gern gesehen. Jeder hatte seinen, ihm zugewiesenen Platz, in der Familie, im Dorf, im Kirchspiel. Und falls jemand anders sein wollte als die anderen 124 Lusetiner, dann gelang das nicht mit einem außergewöhnlichen Namen. Dann musste es schon etwas völlig Anderes, Neues sein. Etwas Außergewöhnliches.
Cosima hob sich hervor, ob sie wollte oder nicht. Nicht nur mit ihrem Namen zwischen all den Rosels, Ludmillas, Emilies, Annas und Marias, die zumeist Mizzi genannt wurden.
Den ihren gab es nur ein einziges Mal.
Der Name sollte angeblich aus dem Griechischen kommen. Wie kann man sein Kind nur so nennen, flüsterte man. Na, über die Eltern ist ja auch so gut wie nichts bekannt. Cosima soll ja angeblich die Ordentliche, die Sittsame bedeuten. Aber ganz sicher ist auch das nicht. Ordentlich vielleicht, aber sittsam? Man kennt sie zu wenig.
Und wenn man ehrlich war, passten weder der Name noch das Mädchen nach Lusetin. Die Lusetiner waren schweigsame Menschen, denen lärmendes Gehabe fremd war. Freundliche, bescheidene Leute, deren kleines Dorf von Muße und Bedächtigkeit geprägt war.
Fremde dachten, die Leute seien einfach gestrickt. Aber Fremde verirrten sich selten dorthin.
Oftmals zeigtigte jedoch gerade diese unverblümte Einfachheit, dass so mancher über das Provinzielle hinauswuchs. Dem Hang zur Besinnlichkeit zum Trotz neigte der Lusetiner zu Hintergründigkeit und Scharfsinn.
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